Vogelkunde - Goldammer - eine Diva mit besonderem Gesang

Vogelkunde - Goldammer - eine Diva mit besonderem Gesang

Sie gehören zu den unauslöschbaren Erinnerungen an unbelastete Schulferien auf einem Bauernhof, wenn der Terzianer mit dem Einspänner auf dem von Knicks umsäumten Sandweg zur Koppel fuhr - die sommerlichen Rufe und Gesänge der Goldammer. Bei späteren abendlichen Vogelstimmenkursen lehrte man uns, ihrem Gesang die ähnlich klingenden Worte "wie wie wie wie hab`ich dich lieb" zu geben - wobei das letzte Wort tief und langgezogen beginnt, um dann klangvoll ansteigend zu enden.

Auch den "volksmundlichen" Engländern ist dazu etwas eingefallen : Sie imitieren den Gesang ihres Yellowhammers mit "little bit of bread and no cheese". Etwas derber ist so ein Spruch aus dem Oldenburgischen überliefert, wo man den Goldammergesang mit "ick schiet in`n Buur sien Schün" beschrieb .........

Goldammern sind Brutvögel der auf ländliche Bereiche beschränkten Kulturlandschaft und daher nach jahrhundertelangen, menschlichen Eingriffen in die ursprünliche Natur wie Waldrodung echte Kulturfolger. Ihr einmal verbreitetes Vorkommen in unserer Knicklandschaft hat seit der Mitte des letzten Jahrhunderts erhebliche Einbrüche durch eine Veränderung des Landschaftsbildes erlebt.

Dänische Untersuchungen im benachbarten Jütland weisen auf das kurze Leben der verbliebenen Populationen hin; die Gründe sind für fast alle Kleinvögel die gleichen : Das durchschnittliche Lebensalter von zwei Jahren ist oft auch durch den Straßenverkehr, die Überzahl freilaufender Katzen sowie Kollisionen mit Fensterscheiben begründet.

Aber auch weitgehend natürliche Ursachen können verantwortlich dafür sein, dass Goldammern Verluste an Gelegen und Jungvögeln erdulden müssen. In einer intensiv genutzten, dennoch knickreichen Agrarlandschaft im Kreis Plön sind diese Ursachen akribisch untersucht worden. Der Bruterfolg in 50 Nestern wurde eingeschränkt, weil fünf von ihnen vor dem Schlüpfen der Jungen ausgeraubt und zwei aus unbekannten Gründen verlassen wurden; eines ist versehentlich ausgemäht worden. Aus den verbliebenen 42 Nestern schlüpften Junge, jedoch waren neun Eier taub oder unbefruchtet. Aus 23 Nestern ging ein Teil oder alle "pulli" ( Jungvögel ) verloren, und zwar häufig durch nicht identifizierte Feinde ( Predatoren ) oder durch Dauerregen. Vor diesen Zahlen braucht man sich nicht zu wundern, dass eine schnelle Erholung abnehmender Vogelzahlen in unserer Umwelt auch natürlichen Grenzen gesetzt ist.

53 Seiten des "Handbuches der Vögel Europas" sind ausschließlich Ausführungen zur Vogelart Goldammer gewidmet, und der Schreiberling dieser Zeilen erinnert sich an seine landwirtschaftlichen Lehrjahre, wenn dort erwähnt wird, dass "vor der völligen Technisierung im Agrarbereich an Feldrändern das arbeitende Ackergespann Goldammern die Möglichkeit verschaffte, nach ausgepflügten oder ausgeeggten Bodenlebewesen und Samen der Vegetation zu suchen". Hier findet sich auch der interessante Hinweis, dass sogar behaarte Raupen, die von den meisten anderen Vogelarten verschmäht werden, von der Goldammer offenbar genutzt werden können.

Unsere beschriebene Ammer ist ein Strich- oder Standvogel - je nach Härte des Winters weicht sie den Unbilden des Klimas südwärts aus. Gerne hält sie sich dann in größeren Trupps auf, und wenn sich diese dann im Frühjahr wieder auflösen, setzt die Paarbildung ein - ein bei allen Vögeln offenbar schwieriger und langsamer Gewöhnungsprozess, da die "egoistische Eigenversorgung" in der winterlichen Schwarmzeit ersetzt werden muss durch das Zulassen der körperlichen Begegnung mit den daraus folgenden Aufgaben eines Vogelpaares.

Fotos ( H. Scheel, Scharstorf ) : Goldammer auf einer blühenden Singwarte sowie mit einer Schrecke als Beute

Holger Jürgensen