Vogelkunde - Winter unter südlicher Sonne

Vogelkunde - Winter unter südlicher Sonne

Der lyrische Dichter Eugen Roth ( 1895 - 1976 ) weiß : "Die Wissenschaft, sie ist und bleibt, was einer ab vom anderen schreibt - doch trotzdem ist, ganz unbestritten, sie immer weiter fortgeschritten". Aus seiner Feder soll auch die Erkenntnis stammen : "Standvögel bleiben, wo sie sind, Strichvögel wechseln wie der Wind; Zugvögel ziehen nach Afrika und sind oft in vier Tagen da ..."

Nach allen derzeitig vorliegenden Erkenntnissen des Vogelzuges kann man ein Bild eines typischen Langstreckenziehers mit frühem Wegzugtermin im Herbst ( zum Beispiel Mauersegler, Kuckuck oder Grasmücke ) ins zentrale oder südliche Afrika wie folgt zeichnen :

Beginnend mit dem flügge gewordenen Jungvogel - von den Eltern verlassen, von den Geschwistern getrennt - unternimmt er den Flug in sein Winterquartier und kommt im Frühjahr wieder in seine Brutheimat - unter der Voraussetzung, dass er statistisch gesehen noch zu 30 vH am Leben ist !

Seine ererbten Anlagen befähigen ihn nach einer beschleunigten Entwicklung im Ei und in seiner Jugend zu einer ebenfalls frühen Jugendmauser. Als Vorbereitung für den nahen Wegzug verstärkt sich die Nahrungsaufnahme und in ihrer Folge die Fettbildung, was zur Verdoppelung des Vogelgewichtes führen kann. Die Depotfettbildung wird dadurch begünstigt, dass vom Vogel nunmehr gezielt kohlenhydratreiche Früchte und Beeren aufgesucht werden. So durch eine Reihe von Hormonen in jeweils spezifischer Weise vorbereitet, reduziert er seine Aktivität am Nachmittag, um am Abend zugdisponiert seinen Flug zu beginnen - gesteuert durch seinen inneren Jahreskalender.

Für den folgenden Flug und die Orientierung des Vogels können verschiedene Kompasse abgerufen werden; aus der Literatur sind der Erdmagnetismus, der nächtliche Stand bestimmter Sterne oder am Tag der Sonne, sogar der "heimatliche" Duft sowie die landschaftliche Geländeformung, und last not least sind die Flugrufe von Vögeln der gleichen Art oder zu anderen, begleitenden Vogelarten eine orientierende Hilfe.

Gut untersuchte Fluggeschwindigkeiten belaufen sich anfänglich auf 50 bis 75 Kilometer pro Tag; bei Erreichen der großen Barrieren des Mittelmeeres und der Sahara sind die Fettdepots optimal aufgebaut, und sie werden in der Nacht in wenigen Tagen oder gar in einen Nonstopflug überwunden. Bei ungünstigen Winden oder gar bei Durchzug eines Unwetters muss eine Etappe unterbrochen werden; Windverdriftungen können anschließend korrigiert werden. Vögel, die den Äquator überqueren wollen und dazu das Erdmagnetfeld nutzen, haben zur weiteren Orientierung zu "bedenken", dass nunmehr die Feldlinien umgekehrt zu interpretieren sind.

Nachdem unser Vogel das Mittelmeer, die Sahara und eventuell noch ausgedehnte Wälder überflogen hat, läuft irgendwann sein Zugkalender ab; die Zugetappen werden kürzer, und er sucht sich einen Nahrungsbiotop, in dem bereits unendlich viele seiner Artgenossen im Verlaufe oft tausender Jahre ihr Winterquartier gefunden haben.

In der Regel und bei einem ausreichenden Nahrungsangebot verbleibt der Zugvogel in diesem Habitat, zumal er - je nach Art und Population - wegen einer Volloder Teilmauser flugeingeschränkt ist. Nach drei bis fünf Monaten setzt erneut sein innerer Kalender ein, der den Zug in die Brutheimat bestimmt. Es fällt dem Autor vergleichsweise das Pferd ein, das den Stall nach der Arbeit riecht und daher schneller als vorher sein Ziel erreichen möchte - unser Zugvogel erreicht sein Brutgebiet um ein Drittel schneller als beim herbstlichen Wegzug.

Foto ( H. Scheel, Scharstorf ) Männlicher Kuckuck im Mai

Holger Jürgensen